Erdarbeiten unterhalb einer massiven Stahlbetonplatte

Baustelle auf den Kopf gestellt

Mitten in München. Zwischen Isartor und Maximilianstraße. Direkt unter der Fahrbahn des östlichen Altstadtrings. Hier soll eine Tiefgarage entstehen. 500 Meter lang. 80 Meter breit. Im Prinzip nichts Ungewöhnliches. Doch die Umstände dieses Projekts sind so schwierig, dass Planer und ausführendes Bauunternehmen tief in die Ideenkiste greifen und die Baustelle praktisch auf den Kopf stellen müssen, um dieses Vorhaben zu realisieren. Mit von der Partie: ein Hitachi ZX135US-5 SRF, der speziell für diesen Einsatz von Kiesel ausgerüstet wurde.

Der Maschinenführer Christian Heinig ist der einzige, der im Münchner Untergrund mit dem Hitachi ZX135US-5 SRF Stein, Geröll und Erde löst.

Für Alexander Stümpfl kommt der Anruf völlig unerwartet. „Nur wenige Tage bevor die Baggerarbeiten losgehen sollten, ruft die Bauer Resources GmbH, eine Schwester der Bauer Spezialtiefbau GmbH, bei uns an“, berichtet Stümpfl, der seit vier Jahren den Kiesel-Mietpark am Standort Eching leitet. Die telefonische Anfrage klingt zunächst nach einem Routineauftrag. „Angefragt wurde ein kompakter Bagger mit Abbruchgitter zur Miete“, erinnert er sich. Bauer Resources gehört zur international renommierten Bauer Gruppe aus Schrobenhausen und ist erst seit kurzem Kiesel-Kunde.

Um passgenau liefern zu können, fragt Stümpfl routiniert nach: „Welche Aufgaben soll der Bagger erledigen? Wie sieht das Arbeitsumfeld aus?“ Der Anrufer schildert das Bauprojekt in der Münchner Innenstadt: Eine öffentliche Tiefgarage. Drei unterirdische Ebenen. Stellplätze für bis zu 520 Pkw. Aushubund Grabarbeiten soll der Mietbagger übernehmen. Etwa 40.000 Kubikmeter felsiges Erdreich müssen aus dem Weg geräumt werden. Ein Nebensatz ließ den Mietparkleiter aufhorchen: dabei soll keine Baugrube ausgehoben werden. „Mir war sofort klar: dies wird kein Auftrag wie tausend andere.“

Eine nur 2,5 Meter breite Aussparung in einer massiven Deckenplatte aus Stahlbeton ist der einzige Zugang, über den der Hitachi ZX135US-5 SRF seinen Arbeitsplatz erreichen kann.

Nicht irgendein Bagger, sondern die ideale Maschine

Stümpfl sollte recht behalten. Dieses Bauvorhaben zählt zu den spektakulärsten Deutschlands. Eine Baugrube kann nicht ausgehoben werden. Statik und Tragfähigkeit der angrenzenden Altstadt-Bauwerke sind in Gefahr. Um diese Tiefgarage bauen zu können, haben die Planer die Baustelle im wahrsten Sinne des Wortes auf den Kopf gestellt: Statt von unten nach oben entsteht der Rohbau des unterirdischen Komplexes von oben nach unten. Der Bagger, der die nötigen Aushubarbeiten erledigt, muss unterhalb von zuvor gegossenen Stahlbetondecken arbeiten können.

Der Mietparkleiter schaut sich die Baustelle in München an. Nach zwei Tagen kann er Bauer Resources die ideale Maschine für den Einsatz im Münchner Untergrund bieten: einen Hitachi ZX135US-5 SRF – kompakt, schmaler als 2,5 Meter und perfekt ausgerüstet für den unterirdischen Einsatz.

Der ZX frisst sich seitdem, Etage um Etage, zuverlässig in den Münchner Untergrund. Doch das Vorhaben ist anspruchsvoll, die Arbeiten diffizil. Zuerst wurde die Betondecke der obersten Parkebene gegossen und danach, unterhalb der ausgehärteten, fertigen Decke, das Erdreich ausgehoben. Alle tieferliegenden Garagendecks entstehen seitdem auf gleiche Weise.

Der speziell für Tunnelbaueinsätze konzipierte Ausleger wird von Hitachi nur in Japan vermarktet. Systempartner Kiesel hat ein Exemplar aus Fernost nach Deutschland verschifft. Nun können auch deutsche Bauunternehmen die Vorteile des Auslegers für sich nutzen.

Deutschland-Premiere im Münchner Untergrund

Der Hitachi ist in all seinen Facetten entsprechend ungewöhnlich. „Eine Maschine mit solch einem Stiel hatten wir noch nie im Einsatz“, berichtet Stefan Schöberl, Leiter Maschinentechnik bei Bauer Resources. Der besondere Kurzausleger der Maschine wird zum allerersten Mal in Deutschland eingesetzt. Hersteller Hitachi vermarktet ihn nur außer in Japan derzeit nur in Frankreich und England.

Systempartner Kiesel hat den besonderen Baggerarm bereits im Vorfeld aus Fernost einschiffen lassen. „Hier in München kann er seine einmaligen Fähigkeiten ausspielen und Leistungsstärke beweisen“, freut sich Mietparkleiter Stümpfl.

Der Ausleger verleiht der 14 Tonnen schweren Maschine die Grabkraft eines 25-Tonnen-Baggers. Mit Leichtigkeit und sehr effizient kann sie sogar Anbaugeräte nutzen, die eigentlich für Trägermaschinen über 20 Tonnen ausgelegt sind. Zugleich ist der Bagger samt Ausrüstung äußert kompakt. Für den Untertage-Einsatz in der Münchner Innenstadt muss er das auch sein. Denn der Bagger kann seinen Einsatzort unter der Betondecke nur auf einem Wege erreichen – er muss durch eine Aussparung in der betonierten Platten „schlüpfen“. Jeweils eine dieser sogenannten Logistiköffnungen haben die Betonarbeiter für jede Ebene beim Gießen der Platten bereits integriert. Diese Öffnung ist nur sieben Meter lang und kaum breiter als 2,5 Meter. Doch mit 2,49 Meter passt der ZX durch.

Einmal am Einsatzort direkt an der unterirdischen Abgrabungskante angelangt, bleibt es eng. Seinen Raum muss der Hitachi sich erst freigraben. Die Raumhöhe beträgt an manchen Stellen nur vier Meter. Der Nullheck-Bagger selbst ist nur 5,41 Meter lang und 2,94 Meter hoch. Der Auslegeransatz ist weit in den Oberwagen eingerückt. Beste Voraussetzungen für diese extrem schwierigen Bedingungen. „Wir sind begeistert von der Maschine. Sie ist richtig gut, zuverlässig und ausdauernd“, sagt Schöberl.

Der Hitachi ZX135US-5 SRF muss beim Bau der Tiefgarage unterhalb einer zuvor gegossenen Stahlbetonplatte arbeiten. Der Arbeitsraum ist an manchen Stellen nur vier Meter hoch.

Fahrer und Maschine ein festes Team

Seit der ersten Stunde im Münchner Untergrund sitzt Christian Heinig in der Kabine des ZX135US-5 SRF. Neun Stunden täglich. Der gelernte Baumaschinenführer ist ein Routinier seines Fachs. Doch auch ihm ist zuvor nie ein Bagger mit diesen Spezifikationen untergekommen. „Im Vergleich zu Baggern mit gewöhnlichen Auslegern verfügt der SRF über deutlich mehr Kraft beim Drücken“, so Heinig. Das ergibt sich aus der speziellen Konstruktion des Auslegers. Der Hydraulikzylinder, der die Kraft auf den Stiel überträgt, ist auf der Unterseite des Auslegers verbaut – und nicht wie üblich auf der Oberseite. Die 78 kW Motorleistung setzt der Ausleger zu einer Losbrechkraft von 95 kN um. „Zudem schützt diese Positionierung auf der Auslegerunterseite den Hydraulikzylinder vor Schäden durch herabstürzende Materialien“, so Heinig.

15.000 Kubikmeter Erdreich muss Heinig mit Hilfe seiner Spezialmaschine aus dem Untergrund brechen. Alpengeröll und Schwemmsedimente haben sich über Jahrmillionen stetig weiter verdichtet. Extrem schwer lösbarer Fels stellt sich dem Baggerführer täglich in den Weg. „Zum Teil haben wir es hier mit Bodenklasse 6 und 7, der höchsten Härteklasse im Erdbau, zu tun“, berichtet der Maschinentechnik-Leiter. „Doch mit angebauter Fräse ist auch Klasse 7 für den SRF überhaupt kein Problem“.

Wir sind begeistert von der Maschine. Sie ist richtig gut und bewältigt zuverlässig und ausdauernd ihre Aufgabe

Stefan Schöberl

Rasch zum passenden Werkzeug wechseln

Die 700 Kilogramm schwere Anbaufräse D15 von Rockwheel ist Teil des Gesamtmietpakets, das Kiesel für diesen Einsatz zusammengestellt hat. Ein Locmatic-Beraubelöffel und ein HD-Tieflöffel runden das Paket für diese Baustelle ab. Je nach Härtegrad des Bodens wechselt Heinig zwischen den drei Geräten hin und her. Der vollhydraulische OilQuick-Schnellwechsler OQ70-55 erlaubt den Anbaugerätetausch in Minutenschnelle. Der ebenfalls verbaute Holp-Rotator ermöglicht es dem Bediener außerdem, das Anbaugerät extrem präzise entlang der Gesteinsformation zu bewegen.

Ab Herbst 2020 sollen Autofahrer direkt unter der Fahrbahn des östlichen Altstadtrings parken können. Diese 520 Parkplätze sollen helfen, die chronische Parkplatznot zu lindern, an der die bayerische Hauptstadt seit vielen Jahren leidet. Denn trotz des gut ausgebauten Nahverkehrs drängen tagtäglich zehntausende Autofahrer in die Münchner Innenstadt. Nach Fertigstellung wird nichts mehr an diese spektakuläre Bauphase erinnern. Pendler, Touristen und Einzelhandelskunden werden bequem auf drei Ebenen parken und keinen Gedanken daran verschwenden, welche Ingenieurs- und Baukunst nötig war, um ihnen diesen Komfort zu ermöglichen. Schade eigentlich.